«Die Scham, anders zu sein, hinterlässt tiefe Spuren»

Nicolas Petit bei den Cleft-Kindern im indischen Malakkara.

Ein Interview erschienen in "Unsere Projekte 2016", dem Jahresbericht der Cleft-Kinder-Hilfe Schweiz.

Herr Petit, Sie haben im Herbst 2016 Cleft-Kinder im indischen Malakkara besucht.

Ja, ich war drei Tage dort. Es ist mir ein grosses Anliegen, Menschen mit Behinderung zu helfen. Während dieser Zeit habe ich jeweils von morgens früh bis spät abends fotografiert. Um am Ende möglichst viel Material zu haben. Mein Auftrag von der Stiftung war ja, das gesamte Schulprojekt zu dokumentieren. Es war also eine relativ kurze, aber sehr intensive Zeit.

Reportagefotografie für das Schulprojekt der Stiftung Cleft-Kinder-Hilfe Schweiz in Malakkara, Kerala, Indien.

Wie bereiten Sie sich auf eine solche Reise vor?

Das fängt Monate vor dem Termin an. Aber eigentlich beschäftige ich mich schon seit Jahren damit, wie man Behinderung gewinnend erzählt. Als Kind war ich selbst mit der Frage konfrontiert, wieso ich nur drei Finger habe. Seitdem suche ich Wege, anderen zu vermitteln, wie es ist, mit einer Behinderung zu leben. Wenn ich Cleft-Kinder fotografiere, versetze ich mich in die Welt der Spender, und versuche den Spendern in der Schweiz ein Gefühl für die Freude und den Kämpfergeist der indischen Kinder zu geben. 

Freude und Kämpfergeist – wie kann man so etwas abbilden? 

Meine Fotos sind dann gut, wenn ich den Spendern die Kinder, die dank ihrer Hilfe eine Schule besuchen können, näher gebracht habe. Jedes von ihnen ist eine Persönlichkeit, und ein Bild sagt da oft mehr als 1000 Worte. Damit die Persönlichkeit der Kinder, ihre Freude und Dankbarkeit, aber auch ihr Mut und ihre Stärke sichtbar werden, gehe ich beim Fotografieren sehr nahe an sie heran. Ich glaube, wenn man ihnen offen begegnet, ist schnell eine Verbindung da, die die Sprachbarriere überwindet und auch auf Fotos sichtbar wird. 

Reportagefotografie für das Schulprojekt der Stiftung Cleft-Kinder-Hilfe Schweiz in Malakkara, Kerala, Indien.

Aber anfangs sind die Kinder eher scheu? 

Naja, ich sage es mal so: Für sie ist es ein Wechselbad aus Scham und Freude, fotografiert zu werden. Viele verdecken noch spontan mit ihrer Hand den Mund, obwohl nur noch eine Narbe auf die Spalte hinweist. Die Scham, anders zu sein, hinterlässt tiefe Spuren. 

Wie war es für Sie, im Wohnheim anzukommen – der erste Moment sozusagen?

In der Schule wurde ich freundlich empfangen. Der Direktor bat mich zu Tee und Kuchen und die Französischlehrerin schaute auch vorbei. Mit ihr konnte ich ein paar Worte Französisch wechseln. 

Und wie ist die Schule organisiert? 

In der Schule tragen alle Uniform, Jungen und Mädchen sitzen getrennt. Die Kinder sind gut integriert und lernen fleissig. Für sie ist es eine Riesenchance, eine gute Schulbildung zu bekommen. Jede Schulstufe hat eine Leiterin, die ich jeweils vor dem ­Fotografieren in den Klassen besuche. Ich fotografiere während des Unterrichts, damit die Fotos möglichst natürlich sind. Manchmal gebe ich Anweisungen und bitte zum Beispiel einen Schüler, etwas vorzulesen, damit ich nicht zu viel Zeit brauche und damit den Unterricht aufhalte. Aber meistens lassen sich die Kinder gar nicht stören. So vermitteln die Bilder möglichst nah den Alltag in der Schule in ­Indien. Das Schulgebäude selber ist in gutem Zustand, es gibt einen grossen Pausenhof und einen Kricketspielplatz. 

Haben Sie das Gefühl, dass es einen besonderen Zusammenhalt unter den Cleft-Kindern gibt?

Ja, sie sind untereinander sehr solidarisch. Dhaneesh zum Beispiel, der Junge mit den herausstehenden Zähnen, geht in eine Sonderschule. Die konnte ich leider nicht besuchen, aber man erzählte mir, dass man es in der regulären Schule probiert hat, letztlich aber mehr Förderung brauchte. Die bekommt er in der Sonderschule. Dennoch ist er kein Aussenseiter, sondern in die Gruppe der Cleft-Kinder gut integriert. Wegen eines zusätzlichen Herzfehlers kann er keinen Sport machen und steht manchmal ein bisschen abseits. Mich erinnert das an meine eigene Schulzeit, als ich im Sportunterricht teils auch zuschauen ­musste. 

Gab es auch Begegnungen mit Kindern, die auf irgendeine Art traurig waren? 

Nicht direkt traurig, würde ich sagen. Vielleicht insofern, als dass ich manchmal gern noch mehr Zeit für sie gehabt hätte, für jeden Einzelnen. Da war zum Beispiel ein Junge, der sich sehr fürs Fotografieren interessierte. Er sagte mir, er wolle eines Tages auch Fotograf werden, so wie ich, und dass er sich nichts so sehr wünsche wie eine Kamera. Er wollte alles über meine Arbeit wissen. Ich war berührt davon, weil ich diesen Wunsch so gut nachvollziehen konnte, doch zum Erzählen blieb uns viel zu wenig Zeit. 

Konnten Sie auch Kinder in ihrem Zuhause besuchen, bei ihren Eltern?

Ja, der Besuch bei Timi und Timu kam auf meinen Wunsch zustande. Ich wollte den Spendern zeigen, wie die Kinder zu Hause leben. Ich wurde freundlich empfangen und sofort zu Keksen und Tee eingeladen, ich liebe den indischen Chai! Der Vater wurde extra von den Feldern geholt, und auch der Bruder kam vorbei. Nachdem ich ihr Zuhause fotografiert hatte, gingen wir zur Kirche, Kerala hat ja eine grosse christliche Gemeinde. Die Kirche war zu, aber der Zufall wollte es, dass die Familie den Schlüssel hatte. Also konnte ich die Kinder fotografieren, wie sie vor dem Altar ein Lied sangen. 

Haben Sie etwas aus Malakkara mit nach Hause gebracht? 

Die Erinnerungen an die Kinder begleiten mich durch den Alltag. Aber auch indischer Tulsi Tee und Himalaya Zahnpasta, die ich mir in Indien eigentlich nur gekauft habe, weil ich meine Zahnpasta zu Hause gelassen hatte. Mittlerweile bitte ich jeden, der nach Indien reist, mir einen neuen Vorrat an Tee und Zahnpasta mitzubringen. Und natürlich habe ich die ganz grosse Hoffnung und den Wunsch, dass die Stiftung noch vielen weiteren Kindern helfen kann. Immerhin begleite ich die Cleft-Kinder-Hilfe Schweiz schon seit ihrer Gründung und bin sehr dankbar, dass ich als Grafiker und Fotograf dazu beitragen kann, ihr nach aussen hin ein Gesicht zu geben.

Zur Person

Nicolas Petit, 36, arbeitet bereits seit ihrer Gründung als Fotograf und Grafikdesigner für die Cleft-Kinder-Hilfe Schweiz. Der gesamte Auftritt der Stiftung geht auf seinen Entwurf zurück. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die dokumentarische Fotografie, und so hat er auch in Indien Ergebnisse unserer Arbeit in Bildern festgehalten, die die Cleft-Kinder als Persönlichkeiten in ihrer Welt zeigen, die zugleich auch unsere ist – fremd und vertraut. Nicolas Petit lebt und arbeitet im Raum Zürich.

Kategorien: Cleft-Kinder, NGO, Reportage

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